Umgezogen
Freitag, 31. März 2006, Freitag, 31 März 2006, 11:06:34 Uhr
Abgelegt unter: katholisches

So, da bin ich im neuen blog angekommen.

Jetzt muß ich mir ihn noch kurz leihen, damit hier vernünftig tapeziert wird und dann kann es losgehen.



Katholische Soziallehre
Dienstag, 7. März 2006, Dienstag, 7 März 2006, 21:17:00 Uhr
Abgelegt unter: Alter Blog
1. Warum ein so innerweltliches Thema als Bestandteil der Theologie?
Immer dann, wenn Kirche sich zu sehr diesseitigen Themen äußert, kommt die Frage auf, ob sich Kirche nicht lieber um das Seelenheil ihre Schäfchen kümmern solle, statt sich in gesellschaftliche und politische Fragestellungen einzumischen. So sehr und so gerne ich mir tagespolitische Einmischung verbitte, so dankbar bin ich für Leitlinien. (Die Berechtigung der Kirche, sich zu gesellschaftlichen Fragen zu äußern, können wir gerne ebenfalls diskutieren.) Die “Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben” sorgte für einiges Aufsehen in unserem Land. Selbst mein heutiger Ministerpräsident, damals Oppositionsführer im Landtag, fühlte sich auf den Schlips getreten. Macht aber nichts, der hat genug Krawatten.
Ich bin sehr dankbar, wenn mir, als bekennender und praktizierender Katholik, der Politik betreibt, das Lehramt den Rücken stärkt, indem es meine und die vieler anderer – zumeist ehrenamtliche – Arbeit für die Gesellschaft würdigt. Auch und besonders wenn sie selbige kritisch würdigt, so ist es immer noch ein Gewinn. Denn: Inhaltlich kann ich mich gerne auch mal mit Rom fetzen, wenn es denn sein muß (vgl. Gal. 2,11). Doch dazu muß ich (natürlich nicht ich persönlich) erst einmal von Rom wahrgenommen werden und ich (in diesem Falle sehr persönlich) selber muß dem Lehramt zuhören.

Als ich nun vor einigen Wochen den KSK¹ erstmals in der Hand hielt, war ich freudig überrascht, daß es sich um ein derart umfängliches Werk handelt, das nicht nur die reine soziale Frage abarbeitet, sondern den gesamten Bereich sozialer und wirtschaftlicher Fragen, ferner auch Aspekte nationaler wie internationaler Politik bearbeitet. Insgesamt ergibt sich nach einem ersten Lesen ein positiver Eindruck. Die Fragen werden recht kurz und griffig auf Basis der einschlägigen lehramtlichen Schreiben bearbeitet. In den Fußnoten finden sich hinreichend viele Hinweise, um vertiefend weiterzulesen.

…im Lauf der Geschichte und insbesondere in den vergangenen einhundert Jahren hat die Kirche es niemals versäumt, im Hinblick auf die Fragen des gesellschaftlichen Lebens das Wort zu ergreifen, das ihr „gebührt“, wie Papst Leo XIII. es formuliert hat. Papst Johannes Paul II. seinerseits hat die katholische Soziallehre weiter ausgearbeitet und aktualisiert und drei große Enzykliken veröffentlicht – Laborem exercens, Sollicitudo rei socialits und Centesimus annus -, die grundlegende Etappen des katholischen Denkens zu diesem Thema darstellen. (KSK S.19)

Einen wesentlichen Punkt greift Card. Sodano in seinem als ein Vorwort abgedruckten Schreiben an Card. Martino, den Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, an der zitierten Stelle auf.
Katholische Soziallehre muß fortgeschrieben werden. Die Verhältnisse, wie sie gegen Ende des 19. Jh. vorzufinden waren, finden wir heute weitestgehend so nicht mehr. Dennoch halte ich Rerum novarum nach wie vor für lesenswert. Dort finden sich die Grundlagen der modernen katholischen Soziallehre.

In einem einzigen kurzen Statement in diesem Weblog nun einen Aufriß über die Gesamtheit der kath. Soziallehre geben zu wollen, wäre vermessen. Ich möchte einladen, den KSK selber zu lesen. Im Forum katholon.net steht dieser Beitrag auch zur Diskussion.
Meine Anliegen, über die ich, im Laufe verschiedener Diskussionen in Netz und im RL eingehen zu können hoffe, habe ich hier kurz skizziert.
Längst nicht alles und lange nicht vollständig, doch der Anfang ist gemacht.

2. Katholische Soziallehre gibt Hinweise, wie die Dinge der Welt – Aufgabe der Laien wg. Ihres Weltcharakters – geordnet werden sollten.
Der Weltcharakter der Laien, ein Aspekt, den das II.Vat. mir ins Stammbuch schreibt, der auch von Johannes Paul II. u.a. in der Enzyklika Christifideles laici aufgegriffen wird, spielt für mich bei der Betrachtung der kath. Soziallehre eine wichtige Rolle.

Die gegenwärtigen kulturellen und sozialen Fragen betreffen vor allem die gläubigen Laien, die – darauf weist das Zweite Vatikanische Konzil hin – gerufen sind, die zeitlichen Dinge dem Willen Gottes gemäß zu ordnen (vgl. Lumen gentium, 31). Es liegt auf der Hand, wie wichtig die Bildung der Laien ist, die durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Kraft ihres Zeugnisses zum Fortschritt der Menschheit beitragen können. Das vorliegende Dokument will ihnen bei der Erfüllung ihres täglichen Sendungsauftrags helfen.(KSK S.20f.)

Wirtschaftliches, politisches und soziales Handeln sind nicht Aufgaben der Kirche, der Kirchenleitung oder des Lehramtes. Ich ringe auch immer noch ein wenig mit der Regelung, daß der Pfarrer den Kirchenvorstand leiten muß, der sich ja fast ausschließlich mit wirtschaftlichen und finanziellen Fragen beschäftigt. Eine sehr weltliche Seite, die mit originär priesterlichen Aufgaben nur wenig zu tun hat. (N.B.: genauso schwer tue ich mich mit der Leitung des PGR durch einen Laien.) Insofern mir jedoch das Lehramt der Kirche aus seinem Verkündigungauftrag heraus ein Handwerkszeug an die Hand zu geben vermag, welches mir die Orientierung in der Welt erleichtert, so nehme ich es gerne hin.
Die Umsetzung ist Aufgabe der Laien und die Soziallehre der Kirche ist in ihrer Gesamtheit sicher nicht unfehlbar, obwohl sie auf irrtumslose Lehren zurückgreift. Da es sich bei den zu diskutierenden Sachverhalten um zeitliche und nicht um ewige Güter handelt, gibt es logischerweise zeitbedingten Wandel. Tat sich die Kirche z.B. zunächst mit der Demokratie sehr schwer, so erkennt sie diese heute als probate Staatsform an. Gleichfalls ist lange um Fragen der Arbeiterrechte gerungen worden. Das Streikrecht wird wohl z.Z. niemand ernsthaft in Frage stellen.
So darf zu diesen Fragen munter dikutiert und um gute und wahre Handlungsperspektiven gerungen werden.
Wer Politik macht, weiß, daß es ohne dieses Ringen nicht geht.

3. Unterstützung durch das Lehramt der Kirche.
In einer Vielzahl von Lehrschreiben haben sich die Päpste des vergangenen Jahrhunderts zur sozialen Frage geäußert. Es wäre müßig, die Liste hier aufzuzählen. Vielfach sind sie den Politkern ihrer Zeit damit auf die Füße getreten. So findet sich z.B. in Centesimus annus die umfangreichste Kapitalismuskritk, die jemals geschrieben wurde. Leider wurde dies auch innerkirchlich nur am Rande diskutiert. Zeitlich ordnete sie sich so in die Geschichte ein, da der Kommunismus aufhörte, in der Welt eine nennenswerte Rolle zu spielen. Gerade da, als einige nur zu euphorisch propagierten, Adam Smith habe sich nun endgültig gegen Karl Marx durchgesetzt, zeigt der Papst die Grenzen dieser scheinbaren Siegerlehre auf. Leider auch dies nur zu wenig in praktische Politik umgesetzt. Die Heuschreckendiskussion der vergangenen Wochen hätte man vermeiden können. Die “gute alte” Soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik, oft als Deutschland AG verspottet, wäre ohne Oswald von Nell-Breuning undenkbar gewesen. Doch gerade diese, m.E. beste bisher erfolgte Umsetzung katholischer Soziallehre in praktische Politik hat gezeigt, daß es möglich ist, marktwirtschaftliches Handeln in sozialen Grenzen erfolgreich zu gestalten. Ohne den “think tank” St. Georgen und die enge Kooperation mit Ludwig Erhard wäre das undenkbar gewesen. Solche Kooperationen wünsche ich mir sehr auf europäischer Ebene. Wenn die EU nicht lernt, daß Marktwirtschaft entweder sozial ist oder in Manchesterkapitalismus mit ruinösem Verdrängungswettbewerb abdriftet, dann wird sie auf Dauer keinen Bestand haben. Dazu brauchen wir die ständige Ermahnung der Kirche.

4. Politisches Engagement des Christen.
Dafür den Boden zu bereiten, bedarf es des (politisch) engagierten Christen.

KSK Nr. 406 Ein ausdrückliches und deutliches Urteil über die Demokratie findet sich in der Enzyklika “Centesimus annus”: “Die Kirche weiß das System der Demokratie zu schätzen, insoweit es die Beteiligung der Bürger an den politischen Entscheidungen sicherstellt…”

Dies ist ein klarer Auftrag, als Christ an den politischen Willensbildungsprozessen teilzunehmen. In jeder Stufe dieser Willensbildung – auch außerparteilich und außerparlamentarich – benötigen wir Christen, die an der Umsetzung einer zeitgemäßen, der Lehre der Kirche entsprechenden und am Menschen als Ebenbild Gottes ausgerichteten Politk mitwirken. Politk ist immer zeitlich, weltlich und vom Menschen gestaltet. Sie hat sich an den konkreten Gegebenheiten ihrer Umwelt zu orientieren. Dennoch gilt immer:

KSK Nr. 396 Die Autorität muß sich vom Sittengesetz leiten lassen: Ihre ganze Würde beruht darauf, daß sie sich innerhalb der moralischen Ordnung entfaltet, “die ihrerseits Gott als Ursprung und Ziel hat.”

Dieser Satz könnte die Verfassung eines Staates bilden, wären wir nicht so beschränkt. Ihn auszufalten in konkretes politisches Handeln, könnte die Basis jeder Entscheidung sein. Der KSK faltet im 8. Kapitel die Lehre über die politische Gemeinschaft weit aus.

5. Die soziale Frage – eine Frage von gestern?
Gestern war anders.
Mit diesem etwas flapsigen Satz, könnte man auch den Wandel der sozialen Frage umschreiben. War es zum Ende des 19. Jh. vor allem die Arbeiterfrage, so stellen sich heute andere Fragen. Die Frage nach ungebändigtem Kapital ist eine solche.

KSK Nr. 369 Eine Finanzwirtschaft, die zum Selbstzweck wird, ist dazu bestimmt, ihren Zielsetzungen zu widersprechen, weil sie sich von ihren eigenen Wurzeln und dem eigentlichen Grund ihres Bestehens, das heißt von ihrer ursprünglichen und wesentlichen Aufgabe löst, der realen Wirtschaft und damit letztlich der Entwicklung der menschlichen Personen und Gemeinschafen zu dienen. Noch besorgniserregender wird der Gesamtrahmen, wenn man sich die stark asymmetrische Struktur vor Augen hält, die das internationale Finanzsystem kennzeichnet: Nur in einigen Teilen der Welt zeichnet sich eine Konsolidierung der Innovations- und Deregulierungsprozesse auf den Finanzmärkten ab. Das gibt zu gravierenden ethischen Befürchtungen Anlaß, denn die Länder, die von den genannten Prozessen ausgeschlossen sind, kommen nicht nur nicht in den Genuß der mit diesen verbundenen Vorteile, sondern sind nicht einmal vor den eventuellen negativen Auswirkungen der finanziellen Instabilität auf ihre realen Wirtschaftssysteme geschützt, vor allem dann, wenn diese ohnehin schon anfällig und unterentwickelt sind.

Hier nur ein Aspekt davon, daß Länder oder sogar ganze Regionen durch ungebändigt zirkulierendes Kapital von wirtschaftlichen Entwicklungen abgekoppelt werden. Ein anderer Aspekt ist die Frage, wie ist mit internationalen Investoren umzugehen, die sich auf florierende Unternehmen stürzen, diese grob gesagt aussaugen und wegwerfen. Der Schaden für die betroffene Volkwirtschaft ist nicht zu unterschätzen.
Eine weitere Frage, die in die obige greift, ist die Globalisierung der Wirtschaft. Wenn ein Konzern oder Finanzimperium nur groß genug ist, so kann es sich beinahe jede Steuerzahlung verkneifen. Das heißt nichts weniger, als von der Struktur eines Gemeinwesens zu profitieren, ohne an dessen Erhalt und Verbesserung mitzuarbeiten. Auch hier geht es darum, sich bildende Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Noch einmal der KSK:

KSK Nr. 370 Der Verlust der zentralen Bedeutung der staatlichen Akteure muß mit verstärkten Bemühungen der internationalen Gemeinschaft einher gehen, in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht eine entscheidende und richtunggebende Rolle zu spielen. Eine wichtige Folge des Globalisierungsprozesses besteht nämlich darin, dass der Nationalstaat im Hinblick auf die Lenkung der nationalen wirtschaftlichen und finanziellen Dynamismen zunehmend an Wirksamkeit verliert. Die Regierungen der einzelnen Länder sehen ihr eigenes Handeln im wirtschaftlichen und sozialen Bereich zunehmend von den Erwartungen der internationalen Finanzmärkte und den immer drängenderen Forderungen der Glaubwürdigkeit von Seiten der Finanzwelt beeinflusst. Aufgrund der neuen Verbindungen zwischen den weltweit Tätigen scheinen die traditionellen Verteidigungsmaßnahmen der Staaten zum Scheitern verurteilt, und der Begriff des nationalen Marktes selbst tritt angesichts der neuen Wettbewerbsbereiche in den Hintergrund.

Dies sind Probleme, die nur die Gemeinschaft aller Staaten lösen kann.

Ein ganz neues Phänomen

- rerum novarum -

wie schon

Leo XIII. sagte.

¹KSK = Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden. Kompendium der Soziallehre der Kirche. Herder, Freiburg i.Br. 2006.