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Der folgende Text von mir ist, wie das oft der Fall ist, aus einem konkreten Anlaß entstanden.
Es wurde eine Frage an mich herangetragen und ich habe geantwortet.
Eigentlich war der Fall für mich damit erledigt, doch dann wurde ich gebeten, das doch mal zu veröffentlichen. Keine Ahnung, ob es jemandem außer dem Fragesteller etwas sagt, aber ich habe mich dann doch dazu durchgerungen, der Bitte nachzukommen.
An einigen Stellen mußte ich ihn ein wenig verändern, damit er allgemeiner wird, nicht so persönlich eben, wie er zunächst geschrieben war.
Folgende Aussage lag der Fragestellung zu Grunde:
Irgendwie beneide ich Euch, dass Ihr so gern zur Messe geht und betet.
Ich muss mich immer überwinden…
Nun, bei mir ist es so, daß ich mich an manchen Tagen an der Messe regelrecht festhalten kann. Die Viertelstunde vor der Messe, die ich immer versuche schon in der Kirche zu verbringen, ist derzeit oft die einzige “richtige” Gebetszeit, die ich am Tag habe. Und man mag mir glauben oder nicht, der Tabernakel ist wie ein Anker, der verhindert, daß ich auch in dieser Zeit wieder abdrifte.
Das ist übrigens ein Phänomen, das ich schon vor langer Zeit bei mir beobachtet habe. Wenn es mir schwer fällt, zur Ruhe und ins Gebet zu kommen, dann nehme ich mir einen Moment vor dem Tabernakel und ich finde Ruhe. Gleich ob ich sitze oder kniee, manchmal reicht es, im Vorbeigehen kurz eine Kirche zu betreten und mir die wirkliche Gegenwart des Herrn ins Bewußtsein zu rufen.
So fahre ich z.B. Augenblicklich möglichst jeden Sonntag nach Verne (das ist ein benachbarter, kleiner Marienwallfahrtsort) um eine Stunde oder etwas mehr vor dem Tabernakel zu beten. Manchmal muß ich mich in der Kirche regelrecht anschnallen, um nicht sofort wieder auszubüchsen, nach einer Weile beginne ich ruhiger zu werden und kann ins Gebet kommen. Würde ich das gleiche zu Hause versuchen, wäre ich nach 5 Minuten fertig damit. Warum das so ist, ist eine Frage, die ich mir selber bisher nicht beantworten konnte. Es hängt für mich wohl sehr viel an der eucharistischen Gegenwart des Herrn.
Freude an der Hl. Messe zu finden, ist eine Frage der langsamen und manchmal mühsamen Einübung, so wie im übrigen jedes Gebet. Ich muß sozusagen einmal anfangen, beispielsweise durch eine Werktagsmesse, die ich dann aber wirklich so regelmäßig mitfeiere, wie ich die Sonntagsmesse mitzufeiern gewohnt bin. Das wird nach einiger Zeit, wenn es im Alltag stimmig ist, zu einer guten Gewohnheit, die Sicherheit gibt. Die Stimmigkeit im Alltag ist ein sehr wichtiger Aspekt. Ich bin kein Mönch und ich lebe nicht in einer geistlichen Gemeinschaft, die mir einen irgendwie gearteten Rahmen dafür bieten könnte. Im Gegenteil, ich lebe ein ganz normales Leben in der Welt, in dem mir mehr Widerstand entgegentritt, will ich mich auf Gott ausrichten, als das im Kloster der Fall wäre, wo das geradezu Programm ist. Will ich nun die Feier der Hl. Messe in meinen Alltag integrieren, so darf ich diesem keine Gewalt antun. Wohl muß ich konsequent sein und die Widerstände überwinden, doch tue ich meinem Alltag Gewalt an, so drängt er sich mit solcher Macht und Wucht in mein Bewußtsein, daß ich für Gebet nicht mehr frei sein kann.
Nach und nach kann man dann versuchen, im eigenen Tempo eine zweite oder dritte Werktagsmesse hinzuzunehmen. Das ist dann aber auch der Punkt, an dem man sich möglichst einen Begleiter suchen sollte, der mit einem auf das geistliche Leben schaut, denn man kann auch “abheben”.
Wir, die wir in der Welt leben, müssen, wenn wir geistlich leben, geistlich in der Welt leben und können nicht versuchen Kloster zu kopieren. Das ist eine (unter anderem meine) mögliche Verlockung oder Versuchung, der man ausgesetzt sein kann, wenn man sich auf einen geistlichen Weg macht. In der Welt geistlich leben heißt dann eben auch, daß man Abstriche machen muß, wenn die Weltaufgaben uns in angemessener Weise binden. Es gibt Mönche und Nonnen, aber auch Witwen und Kranke sowie nicht zuletzt auch Priester, die in dieser Zeit, wenn wir eigentlich lieber beten würden das Gebet für uns tragen, weil wir durch Weltaufgaben gebunden sind. Auch da kann ich mich auf die Gemeinschaft der Kirche verlassen und stützen.
Ich kann also nicht, wenn um 12 Uhr die Glocke läutet und ich eine Arbeit zu tun habe, einfach verschwinden, um die Mittagshore zu beten. Aber wenn die Glocke am Mittag läutet, kann ich diesen Moment des Läutens innehalten und wissen, daß mich das Gebet des kontemplativen Teils der Kirche trägt. Wenn man es nebenbei kann, kann man dann auch noch den Angelus beten (oder einfach ein Vater unser oder ein Gebet nach Wahl), dann reißt auch für uns persönlich der Kontakt “nach oben” nicht ab. Das meint übrigens die von mir so geschätzte Madeleine Delbrêl mit ihrer Tiefenbohrung. Als Christ in der Welt kann ich nicht über eine große (Zeit-)Fläche beten, weil ich Aufgaben in der Welt habe. Die fehlende Breite kann ich aber durch Tiefe ersetzen, indem ich mich tatsächlich für einen ganz winzigen Moment ganz und gar für Gott öffne. Ich habe nicht wenige Tage erlebt, die von Arbeit ausgefüllt waren, an denen die einzige Möglichkeit zu beten aus Stoßgebeten bestand. Geistlich gesehen ist das ein hartes Brot, auf dem wir in der Welt herumkauen, aber anderes haben wir nicht.
Interessanterweise wächst auf diesem Boden aber ein durchaus fruchtbares Gebetsleben. Bei manchen ist es das Stundengebet, bei anderen der Rosenkranz, wieder andere entdecken Freude an geistlicher Lesung und Betrachtung, manch einer findet Freude und Gelegenheit zu einer halben Stunde Anbetung am Tag. Ich denke, daß Gott für jeden von uns einen maßgeschneiderten Weg bereithält. Weder auf Grund der Dauer noch auf Grund Art des Gebets läßt sich etwas über die Qualität desselben aussagen. Manchmal denke ich, wenn jeder Mensch in meiner Stadt (gilt für jede andere auch) an jedem Tag ein Vater unser beten würde, sähe die Welt anders aus. Und ein Vater unser ist ja nicht gerade viel, oder?
Durch Krisen im (Gebets-)Leben, das erfahre ich gerade, nimmt Gott Kurskorrekturen vor, bremst den Überschwang oder treibt uns neu an, je nach dem.
Für ganz wichtig halte ich persönlich inzwischen, daß ich auf keinen Fall ganz alleine auf diesen Weg gehen sollte. Ab einem bestimmten Punkt sollte unbedingt ein erfahrener Begleiter den geistlichen Weg mitgehen. In welchem Umfang und auf welche Weise, das ist für jeden unterschiedlich. Ich bin auch fest davon überzeugt, daß uns Gott zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Begleiter schickt, denn auch, wenn es oft genug ganz anders aussieht, Gott läßt uns nicht hängen oder führt uns in die Irre. Von einem Begleiter, der von außen auf das geistlich Leben schaut, kann man dann auch mal neue Impulse und andere Aspekte bekommen.
Und ich habe nun wirklich lange danach gesucht, daß mich jemand dauerhaft begleitet.
Freude an Messe und Gebet fällt zwar durchaus vom Himmel, aber nicht immer direkt in unsere Arme.
Jedem, der sich auf den Weg machen will, kann ich bedenkenlos raten, es durchaus zu wagen.
Jeder, egal wie sehr eingebunden er in den notwendigen Weltdienst ist, kann die Zeit für ein ihm angemessenes Gebetsleben finden.
