Nicht wundern
Freitag, 25. Januar 2008, Freitag, 25 Januar 2008, 22:59:49 Uhr
Abgelegt unter: Politik, katholisches | Tags: ,

Heute meldete unsere Lokalzeitung, daß in der Nacht zum vergangenen Donnerstag das Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des 2. Weltkrieges und der NS- Diktatur mit Graffiti beschmiert wurde. Ein Bild zeigt Bürgermeister und Kulturausschußvorsitzenden mit betroffenen Gesichtern. Beide werden mit empörten Statements zitiert.
So weit, so schlecht.

Kirchen, Mahnmale, Heiligenhäuschen und normale Häuser werden in der letzten Zeit recht häufig beschmiert.

Lernte unsere Generation als Kinder noch: “Narrenhände beschmieren Tisch und Wände.”
So darf man heute getrost davon ausgehen, daß heute kein Kind mehr mit so einer Weisheit belästigt wird.

Es kommt hinzu, daß vor allem sozial schwache Jugendliche gegenwärtig düstere Zukunftsaussichten zu haben glauben.
Sie treffen sich in dunklen Ecken unter Vordächern von Schulen in Parks und wo auch immer.
Ideen für sinnvolle Beschäftigung sind ebenso Fehlanzeige wie alternative Orte, an denen man sich besser aufhalten könnte oder an denen es auch Ansprechpartner gäbe. Elternhaus scheint bei vielen Fehlanzeige. Eineltern- oder Patchworkfamilien mit häufig wechselnden Konstellationen geben eben weder die benötigte Sicherheit noch die erforderliche Erziehung.
Die Folgen der sogenannten neuen Formen von Familie in Verbindung mit fehlender Erziehung und fehlender Möglichkeit sinnvoller Beschäftigung, sowie Eltern, die selber schwerlich wissen, etwas mit sich anzufangen.
Alles in allem eine Gemengelage, die mich nicht fröhlich stimmt.

Ich sehe gegenwärtig eine Zunahme der Gewalt gegen Sachen und Personen.

Ein betroffenes Gesicht auf Fotos und betroffenen Statemeste scheinen mir da unzureichende Maßnahmen.
Leider habe ich kein Patentrezept.
Den Kopf in den Sand stecken mag ich dennoch nicht, ich denke auch nicht an Verschärfung von Strafrecht oder Ortssatzungen. Meine Gedanken gehen eher dahin, den jungen Menschen andere Perspektiven aufzuzeigen.
Ich sehe hier ein Betätigungsfeld sowohl die Kirche als auch für die öffentliche Verwaltung.



Das geknickte Rohr
Sonntag, 13. Januar 2008, Sonntag, 13 Januar 2008, 22:04:39 Uhr
Abgelegt unter: Politik, katholisches | Tags: , , ,

In den letzten Wochen geistern alle möglichen und auch eine Menge unmöglicher Ideen zur Verschärfung des Jugendstrafrechts durch die Medien. Leider ist vieles davon schlichte Wahlkampfpropaganda und hat bei genauerem Hinsehen weder Substanz noch bietet es eine echte Perspektive.

Coole Idee, Jugendliche, die nicht funktionieren, einfach in Bootcamps zu sperren.
Dort werden sie gebrochen und wieder zusammengesetzt.
Im Zuge der Diskussionen, aber nicht erst seit der wahlwerbewirksamen Aussage von Roland Koch machen mir die zunehmende Jugendgewalt und -kriminalität zunehmend Sorgen. Selbst in einem kleinen Nest, wie es meine Wahlheimatstadt ist, kommen mehr und mehr Straftaten, begangen durch Jugendliche vor. Die Palette reicht von Graffiti, eingeschlagenen Scheiben, Diebstählen bis hin zu Körperverletzungsdelikten.
Häufig werden sie unter Alkoholeinfluß begangen. Häufig kommen sie aus unübersichtlichen Cliquen heraus, die sich in dunklen Schuleingängen, Parks und Hausecken treffen.
Sie treffen sich dort, weil sie keinen anderen Ort haben, an dem sie sich treffen können und sie trinken Alkohol, weil es so cool ist.
Der Staat reagiert auf allen Ebenen mit den bekannten Maßnahmen: Gesetze werden verschärft.
Auch in meiner Heimatstadt wird ernsthaft darüber nachgedacht, daß der Alkoholgenuß “unter freiem Himmel”, will sagen auf der Straße, soll per Satzung (Kommunales Recht) verboten werden. Straßen- und Schützenfeste werden natürlich ausgenommen.
Wie sieht die Botschaft aus?
Ist doch klar, wenn die Spießer mit Holzgewehr durch die Straßen laufen, dürfen sie auch saufen.

In seiner Predigt ging unser Pfarrer auf diese Problematik ein.
Gott handelt anders:

Das geknickte Rohr zerbricht er nicht
und den glimmenden Docht löscht er nicht aus;
ja, er bringt wirklich das Recht. Jes 42,3

Für irgendwas ist ja so’n Pastor auch gut …

Meine Gedanken gingen nach der Predigt noch einmal in eine alt bekannte Richtung, die mir die Predigt erneut in Erinnerung gerufen hat. Jesus bricht das geknickte Rohr nicht, er löscht den glimmenden Docht nicht aus.
Auf die Jugendlichen bezogen, bedeutet dies, daß es nicht im Sinne Gottes ist Jugendliche in Bootcamps einzusperren, zu brechen und wieder aufzurichten. Sicher, so gab auch der Pfarrer zu, gibt es hoffnungslose Fälle, bei denen nur noch wegsperren hilft. Leider ist das eine Tatsache, die sich nicht leugnen läßt.
In der großen Mehrheit sind die Jugendlichen, die auffällig oder sogar schon straffällig werden, Hoffungs- und Perspektivlos. Vielfach nicht oder mangelhaft erzogen, verstehen sie nicht einmal die Basics menschlichen Zusammenlebens. Ernst nimmt sie ohnehin kaum einer, an der Bürgergesellschaft haben sie keinen Anteil.

Es sind die Armen, von denen das Evangelium spricht. Sie sind die Sünder, neben die sich Jesus stellt, als er sich von Johannes taufen läßt. Johannes ruft die Menschen zu Umkehr und Buße auf. Sagt es mal jemand den Jugendlichen, daß sie auf einem Irrweg sind? Sagt man es ihnen zeitig genug, daß sie noch einsehen können, wo sie falsch handeln?
Handelt jemand, so lange der Docht der Einsicht und Formbarkeit noch glimmt?

Auswege

Es gilt Räume zu schaffen, in denen Jugendliche sich aufhalten dürfen.
Am besten so, daß sie selber in Grenzen bestimmen aber auch etwas dafür leisten und sich in ganz geringen Maße an Kosten beteiligen.

Über Richtig und Falsch muß Klarheit geschaffen werden.
Es muß den Kindern und Jugendlichen jemand sagen, was erlaubt ist und was nicht.
Die Gesellschaft darf wehrhaft sein, wenn jeder weiß, woran er sich zu halten hat.

Es müssen Menschen für die Jugendliche da sein.
Sie brauchen faire, ehrliche und aufmerksame Ansprechpartner. Keine Weicheier, wie sie das Klischee des Sozialarbeiters nicht selten zeigt. Die Menschen, die für sie da sind müssen ihnen auch unangenehme Wahrheiten sagen dürfen.

Es ist nicht zuletzt Aufgabe der Kirche, diese Auswege aufzuzeigen und so weit es geht auch anzubieten. Die Versorgung bürgerlicher Gemeinden ist sicher eine wichtige Aufgabe, doch der Verkündigungsauftrag der Kirche zielt gerade auf diese, die keine Perspektive mehr haben, die sich in Gewalt und Straftaten verstricken. Der Verkündigungsauftrag, den Jesus vorlebt, indem er sich mit den Sündern bei Johannes anstellt, zielt auf die, die unsere Bürgergesellschaft in Bootcamps sperren will.

Als Johannes protestiert, sagt Jesus:

Laß es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen.Mt 3,15

Niemand wird die Verhältnisse von heute auf morgen ändern können, auch kein Pfarrer und erst recht kein Politiker.
Den Bestrebungen, per Verschärfung des Jugendstrafrechts das Problem durch wegschließen zu lösen, werde ich Widerstand leisten. Auch und gerade in meiner eigenen Partei.

Wir müssen uns (nicht unbedingt in der Dunkelheit und wenn sie angetrunken sind) zu den Jugendlichen stellen.
Wir können sie nicht aufgeben oder wegschließen.
Sie sind die Zukunft unseres Landes.
Löschen wir den glimmenden Docht nicht aus.

Das geknickte Rohr zerbricht er nicht
und den glimmenden Docht löscht er nicht aus;
ja, er bringt wirklich das Recht. Jes 42,3