Das war meine “Einstiegsdroge”
Dienstag, 17. April 2007, Dienstag, 17 April 2007, 20:19:14 Uhr
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Über die erste Begegnung mit Madeleine Delbrêl

Titelbild Madeleine Delbrêl
Die Liebe ist unteilbar.

Johannes Verlag Einsiedeln 2002.

Nicht selten begegnet mir so etwas völlig unvermittelt. Nach einem Tag Gartenarbeit saß ich am frühen abend in der Gästebibliothek meines Lieblingsklosters. Das muß 1988 oder 1989 gewesen sein. Um noch ein wenig zu entspannen, suchte ich eine Lektüre, mit der ich mir die Zeit bis zur Komplet (Nachtgebet) vertreiben konnte. So stolperte ich über dieses blaue Büchlein. Anfangen zu lesen und drei Stunden später feststellen, daß ich für die Komplet jetzt zwei Stunden zu spät bin, war nur ein Augenblick. Das Buch hatte ich durch und und für mich klar, daß diese Frau mich nie wieder loslassen würde.

Es sind diese zwei Dinge, die mich damals gefangen nahmen und mich bis heute nicht wieder loslassen. Ihre Klarheit darüber, daß die Unmittelbarkeit, mit der wir vor Gott stehen, der Unmittelbarkeit ähnlich ist, in der wir vor den Menschen stehen.

Der Grund ist evident: Gott ist Mensch geworden.

Sich von den Menschen abzuwenden heißt, sich von Gott abzuwenden. Sich von Gott abzuwenden heißt aber nicht, daß man deshalb den Menschen zugewandt ist. Ganz im Gegenteil, wie Madeleine damals in der Begegnung mit den Kommunisten so schmerzlich erfährt. Madeleine lebt, das lerne ich mehr und mehr geradzu mustergültig das, was wir den Weltdienst der Laien nennen. Man nennt sie auch Mystikerin der Straße. Keine Ahnung, ob man das darf, jedoch lehrt sie, eine Straße so zu gehen, als begegne man an der nächsten Wegkreuzung dem Herrn. Den Alltagskram, mit dem ich mich so schwer tue, so sagt sie, gerade den soll ich so erledigen, als hänge davon das Heil der Welt ab. Krass, nicht wahr?
Unter einem Mystiker stellen wir uns eher jemanden vor, der sich der Welt ganz entzieht. Madeleine geht aber gerade in diese Welt ganz hinein. Sie geht dieselbe Straße, spricht dieselbe Sprache (wenn ich in den Himmel komme muß ich unbedingt französsich lernen), ißt dasselbe Essen und macht dieselben Erfahrungen, wie die Menschen in ihrer Stadt, einer Arbeiterstadt in den Nähe von Paris. Doch ihre Deutung ist eine andere, sie ist hellwach, was ja geradezu das Wesen der Mystik ist, für die Sorgen ihrer Nachbarn. Sie ist so hellwach, weil sie auf den Herrn schaut, der sich sichtbar macht in den Menschen auf der Straße und in den Häusern.

Lebensverhältnisse, wie sie Madeleine bei den Arbeiter in Ivry vorgefunden hat, gibt es in Deutschland so kaum. Ich glaube ich tue mich sehr schwer damit, mir vorzustellen, was sie dort vorgefunden hat. Menschen, die an sechs Tagen in der Woche arbeiten, einen geringen Lohn bekommen und für die Krankheit eine wirtschaftliche Katastrophe bedeutet. Andererseits ist Ivry die erste Stadt in Frankreich, die komplett in der Händen der Kommunisten ist. Auch das ist für uns eigentlich, so dachte ich jedenfalls, kein Thema mehr. Mit Hartz IV und der Tatsache, daß wir in Deutschland “neues” Elend bekommen, sehe ich auf uns Christen in unserem Land eine bedeutende Aufgabe zuwachsen. Auch die Tatsache, daß wir spätestens seit der vorletzten Bundestagswahl eine strukturelle linke Mehrheit in unserem Land haben, von denen die Kommunisten ein Potential von knapp 20% besetzen, stellt für mich eine Herausforderung dar.

Ähnlich wie in Ivry sind bei uns die Gemeinden besonders in ländlichen und kleinstädtischen Regionen sehr bürgerlich strukturiert. Sie sind keine Ansprechpartner für Menschen in sozialen und moralischen Notlagen. Darüberhinaus sind sie häufig so sehr mit sich selbst, den vielen Traditionsabbrüchen und ihrem Strukturwandel beschäftigt, daß sie zuweilen weder auf den Herrn noch auf die Menschen auf den Straßen ihrer Stadt schauen. Die Caritas ist kommerziell geworden, die Caritaskonferenzen (ehrenamtliche Caritas) sind überaltert. Viele, darunter nicht wenige Priester sind resigniert, was sich je nach naturell in Lethargie oder Hyperaktivität äußert. Doch einige suchen und finden im Blick auf den Herrn ihr priesterliches Profil.

Ähnliches gilt für uns Laien. Die katholischen Verbände funktionieren nicht mehr flächendeckend. Sie haben zuweilen auch ihr Profil verloren. Keinesfalls besteht Kolping nur noch aus Handwerkern und die KAB nur noch aus Arbeitern. Kürzlich habe ich bei einer KAB einen Vortrag gehalten. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden stellte sich heraus, daß er Unternehmer ist. Die neuen geistlichen Gemeinschaften wirken für viele zu abgehoben, da gibt es nicht unerhebliche Berührungsängste. Dazu kommen Schwund an Mitgliedern und allgemeine Bindungsängste. Wer heute im Alter von dreißig oder vierzig Jahren einem (katholischen) Verband beitritt hat gute Chancen ein Jahr später nicht nur immer noch das jüngste Mitglied sondern auch Vorsitzender zu sein. Das ist nicht unbedingt motivierend.

Es kommt in unserer Zeit darauf an, einen Weg zu finden, als Christ den Alltag zu leben. Dabei ist mir Madeleine behilflich. Ich bin weder Sozialarbeiter noch ein Held der Pastoral oder ein Superkatholik. Es gibt in meinem Leben diese vielen kleinen ärgerlichen grauen Alltagsarbeiten, gerade das, von dem Madeleine sagt:

Wir anderen, wir Leute von der Straße, glauben aus aller Kraft, daß diese Straße, daß diese Welt, auf die uns Gott gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist.
Wir glauben, daß uns hier nichts Nötiges fehlt, denn wenn das Nötige fehlte, hätte Gott es uns schon gegeben.

Es gilt keine Ausrede…..



Warum ich sie so sehr mag
Mittwoch, 14. Dezember 2005, Mittwoch, 14 Dezember 2005, 19:37:00 Uhr
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Madeleine Delbrêl
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* 24.10. 1904 in Mussidan (in der Dordogne, Südfrankreich), † 13.10. 1964 in Ivry bei Paris.
Bis zu ihrem 20. Lebensjahr ist sie Atheistin. Dann erfährt sie eine geradezu wunderbare Bekehrung.
Ab 1933 arbeitet sie in Ivry, einem Vorort von Paris. Ivry ist voll und ganz in kommunistischer Hand. Sie lebt dort mit anderen Frauen in einer kleinen Gemeinschaft.

Der Glaube im Alltag

Hier möchte ich sie selber zu Wort kommen lassen.

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WIR LEUTE VON DER STRASSE

Es gibt die Orte, wo der Geist weht, aber es gibt einen Geist, der allerorten weht.

Es gibt Leute, die Gott nimmt und beiseite stellt.
Andere gibt es, die läßt er in der Masse, die zieht er nicht “aus der Welt zurück.
Es sind die Leute, die eine gewöhnliche Arbeit verrichten, eine gewöhnliche Wohnung haben und gewöhnliche Ledige sind. Leute, die gewöhniche Krankheiten, gewöhnliche Traueranlässe haben. Leute, die ein gewöhnliches Haus bewohnen und gewöhnliche Kleider tragen. Es sind Leute des gewöhnlichen Lebens. Leute, die man in einer beliebigen Straße antrifft.
Sie lieben ihre Tür, die sich zur Straße hin öffnet, wie ihre der Welt unsichtbaren Brüder die Tür lieben, die sich endgültig hinter ihnen geschlossen hat.
Wir anderen, wir Leute von der Straße, glauben aus aller Kraft, daß diese Straße, daß diese Welt, auf die uns Gott gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist.
Wir glauben, daß uns hier nichts nötiges fehlt, denn wenn das Nötige fehlte, hätte Gott es uns schon gegeben.

Madeleine Delbrêl, Wir Nachbarn der Kommunisten. Diagnosen. Einführung von Jacques Loew. Einsiedeln 1975. S.49.

Mehr über Madeleine Delbrêl

http://www.madeleine-delbrel.net/